Luther sah, dass die „Juden“ Gott abgelehnt hatten, dass aber die „Heiden“ dem christlichen Glauben gefolgt waren. Für ihn war damit die unter den Heiden entstandende christliche Glaubensgemeinschaft die Kirche des neuen Bundes, ein „geistliches Israel“, auf das die Verheißungen Gottes übergegangen seien, vgl. z. B. Strophe 4 und 5 des von ihm gedichteten Liedes „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“4) Und ob es währt bis in die Nacht und wieder an den Morgen, doch soll mein Herz an Gottes Macht verzweifeln nicht noch sorgen. So tu Israel rechter Art, der aus dem Geist geboren ward, und seines Gottes harre.

5) O bei uns ist der Sünden viel, bei Gott ist viel mehr Gnade. Sein Hand zu helfen hat kein Ziel, wie groß auch sei der Schade. Er ist allein der gute Hirt, der Israel erlösen wird aus seinen Sünden allen.
. Wenig ahnte er aus Mangel an historischer Evidenz über die Zeit der Völkerwanderung, dass diese „gläubigen Heiden“ tatsächlich die wahren Stämme Israels waren, die jedermann verloren glaubte. Luthers Übersetzung der Bibel ist geprägt von seiner „Theologie der verlorenen Stämme Israels“.

Nach Luthers Übersetzung redet die Bibel sehr viel über Heiden und ihre Bekehrung. Man könnte jedoch argumentieren, dass die Bibel nach dem Urtext recht selten über sogenannte Heiden spricht, sondern meist nur von Völkern oder Nationen, oft sogar von den Völkern und Nationen, die aus Jakob hervorgegangen sind. Die überragende Bedeutung des Wortes „Heiden“ ist eine Folge der Bibeldeutung Luthers, der mit einer ungenauen oder tendenziösen Übersetzung der relevanten hebräischen oder griechischen Worte die „Heiden“ Europas zum geistlichen Israel emporhob. Dass Luther das christliche Europa zu Israel erklärte, erscheint ja richtig, weil er aber nicht wusste, dass dieses Europa nicht nur ein geistliches, sondern sogar das leibliche Israel war, hat er unnötigerweise Umdeutungen von Bibelworten vorgenommen. Luthers fehlerhafte „Theologie der verlorenen Stämme Israels“ (wie glücklicherweise aber auch seine übrige Theologie) ist grundlegend für den gesamten Protestantismus. Dort, wo Luther im Neuen Testament das Wort „Heiden“ gebraucht, ist in vielen Fällen „Stämme“ oder „Nationen der Kinder Israel“ die sachlich besser geeignete Übersetzung. Luthers „Heiden“ sind – vereinfacht gesprochen – die in alle Welt verstreuten und verloren geglaubten 10 Stämme des Hauses Israel.

Die Seite Neues Testament zeigt eine Reihe von Beispielen dafür, dass das Neue Testament keine „Theologie der verlorenen Stämme“ rechtfertigt.

Auf der Seite Gesetz Moses werden Hilfen zum Umgang mit alttestamentlichen Forderungen Gottes gegeben, die für Christen gemeint sind, die wissen, dass sie Gottes Volk Israel angehören.